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Liebe Community,

Hatte heute wieder das „Romantik an der Spree Seminar“ und wollte den zwar etablierten aber nicht korrekten Namen Rahel Varnhagen zu Diskussion stellen. Denn entweder muss man Rahel Levin oder Antonie Friederike Varnhagen von Ense sagen. Erwartungsgemäß gab es darauf keine Reaktion. Auch sonst ist das Seminar sehr ernüchternd, denn insgeheim werde ich als Jüdin wie selbstverständlich auch als Expertin und Vertraute Rahels angesehen. Doch das sie und ich keine erkennbaren Gemeinsamkeiten haben scheint dabei niemanden zu interessieren. Wir leben im Jahr 2011, ich muss weder „aus dem Judentum gerettet werden um in die Gesellschaft aufgenommen zu werden“ noch spielt es sonst irgendeine entscheidende Rolle in meinem Leben. Mein Salon ist das Internet, hier kann ich mit der ganzen Welt reden ohne das jemand von mir verlangt zu einer anderen Religion zu konvertieren oder ähnliches. Ich kann diesbezüglich wenig Verständnis für Rahel aufbringen.
Eine Einschätzung von euch, liebe Bloggcommunity wäre sehr wichtig für mich.

Eure Lia.

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In der Diskussion um die Theorie eines Kommunikationsmodelles der bürgerlichen Salons hat vor allem F.D.E. Schleiermacher einen wichtigen Beitrag verfaßt. Sein Text „Versuch einer Theorie des geselligen Betragens“ von 1799 blieb leider nur ein Fragment. Anregend in diesem Zusammenhang die Diskussion in folgendem Blog zum Thema Salonkultur .

Der Fernsehtipp im Zusammenhang mit der Salonkultur:

Rahel – Eine preußische Affäre
(Deutschland, 2009, 52mn)
RBB

Am Samstag, 31. Oktober 2009 um 21.00 Uhr auf ARTE

Wiederholungen:
01.11.2009 um 14:00
08.11.2009 um 13:00

weiteres unter: Rahel – eine preußische Affäre

Die Romantik ist als Konzept kaum noch verständlich, allenfalls als das Klischee eines Gefühls. Dies gilt vor allem für die sogenannte Generation Praktikum. Die Skepsis dieser Altersgruppe gegenüber den Ansprüchen von Visionen und Ideologien verklärt sich selbst als realitätsgerechter Pragmatismus, der oft aber nicht mehr als eine Mischung aus ratlosem Opportunismus und lustlosem Hedonismus erscheint. Diese Haltung reduziert den Anspruch auf ein gelungenes Leben zu einer flüchtigen Skizze individueller Freizeitentwürfe, die zwischen Kleinstfamilie und Festivallounge. Mit dieser Reduktion wird gleichzeitig auf den Anspruch einer Idee von gesellschaftlicher Gestaltung verzichtet. Hier ist dann tatsächlich ein grundlegender Widerspruch zwischen der Gegenwart und der Romantik um 1800. Die Romantiker haben trotz der politischen Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Verhältnissen immer wieder auf die Möglichkeiten insistiert, dass man Visionen nicht proklamieren, sondern auch leben kann. Dass sie im privaten Leben nicht selten scheitern mussten und später in ein Refugium religiöser Wertsysteme flüchteten, mag abschrecken, doch ihr Anspruch auf ein Leben, was sich nicht falschen Kompromissen beugt, was die Gesellschaft mit dem Individuum jenseits starrer Traditionen und Normen miteinander in Einklang bringen will, blieb für lange Zeit aktuell. Das scheint heute in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft abhanden gekommen zu sein. An den Rändern aber haben diese Ideen gerade wegen der gesellschaftlichen Erfahrung der Ausgrenzung eine besondere Aktualität. In intellektuellen Kreisen der Migranten der zweiten oder dritten Generation sind die Ansprüche der Romantik ein Versprechen auf eine Freiheit ohne Selbstverleugnung. Es ist vielleicht kein Zufall, dass oft in diesen Kreisen die restaurativen Modelle der Religiösität als Alternative vehement diskutiert werden. Es gilt den Dialog mit und auch die Kritik aus diesen Kreisen zu suchen und sie nicht durch den eigenen Pragmatismus auszublenden. Dies hieße letztlich auch die gesellschaftliche Realität auszublenden.

Am Dienstag (13.10.09) war die konstituierende Sitzung des Seminars „Außer Salons nichts gewesen?- Judentum in der Romantik“ in dem neuen Bau der Hochschule für Jüdische Studien. Schwerpunkt des Seminars ist die Auseinandersetzung mit dem Kommunikationsmodell des Salons im 19. Jahrhundert, wobei die Salons in Berlin um 1800 eine Besonderheit darstellen. Die Frage, die aber im Seminartitel mitklingt, ist, inwieweit diese eher intellektuellen elitären Zirkel tatsächlich einen relevanten Teil des jüdischen Lebens um 1800 darstellten. Tatsächlich hatte diese Salonkultur eine beeindruckende Wirkungsgeschichte, die allerdings mit dem Großbürgertum Mitte des 20. Jahrhunderts ihr Ende fand. Die Studierenden des Seminars äußerten ihr Interesse an der Vertiefung ihres Wissens von der Romantik und der besonderen Rolle der Salonièren in dieser Zeit. Interessant dürfte es auch sein, wenn erörtert wird, wie der preußische Staat unter Friedrich Wilhelm II. wichtige Entwicklungen versäumte und wie das daraus resultierende Unbehagen in intellektuellen Kreisen in der kulturellen Auseinandersetzung ein Ventil fand, deren Visionen noch heute eine Faszination haben. Die Idee, dass der Salon ein Freiraum der zweckfreien Kommunikation sein konnte und gleichzeitig Impulse in das öffentliche Leben vermittelte, war eine Vision, die gerade von denen ausging, denen am stärksten Freiräume verweigert wurden: Juden und Frauen. Bemerkenswert, dass es in Heidelberg, der so oft als romantisch verklärten Stadt, keine Salons gab. Doch wer weiß, vielleicht versteht es das Seminar, in diesem Zusammenhang einiges wiederzuentdecken.

„Es fehlt unserer Zeit, sagte Friedrich, so sehr sie die Natur sucht, eben der Sinn für Natur, denn nicht allein diese regelmäßigen Gärten, die dem jetztigen Geschmacke zuwider sind, bekehrt man zum Romantischen, sondern auch wahrhaft romantische Wildnisse werden verfolgt, und zur Regel und Verfassung der neuen Gartenkunst erzogen. So war ehemals nur die große wundervolle Heidelberger Ruine eine so grüne, frische, poetische und wilde Einsamkeit, die so schön mit den verfallenen Thürmen, den großen Höfen, und der herrlichen Natur umher in Harmonie stand, daß sie auf das Gemüth eben so wie ein vollendetes Gedicht aus dem Mittelalter wirkte; ich war so entzückt über diesen einzigen Fleck unsrer deutschen Erde, daß das grünende Bild seit Jahren meiner Phantasie vorschwebte, aber vor einiger Zeit fand ich auch hier eine Art von Park wieder, der zwar dem Wandelnden manchen schönen Platz und manche schöne Aussicht gönnt, der auf bequemen Pfaden zu Stellen führt, die man vormals nur mit Gefahr erklettern konnte, der selbst erlaubt, Erfrischungen an anmuthigen Räumen ruhig und sicher zu genießen; doch wiegen alle diese Vortheile nicht die großartige und einzige Schönheit auf, die hier aus der besten Absicht zerstört worden.“ ( Ludwig Tieck , Phantasus, S.58.,1828)

Die Beobachtung beschreibt mehr als lediglich den zaghaften Beginn eines Prozesses der touristischen Vermarktung einer Ruine. Er beschreibt vielmehr, wo man Momente der Romantik entdecken kann: an den Plätzen der Verwilderung. Räume, die vernachlässigt werden, die verfallen und unbewohnt sind, sind Orte, die die Phantasie provozieren. Wer Romantik sucht, sollte also nicht nach Heidelberg fahren, sondern in den Osten – und möglichst niemanden mitteilen, wo er diese Plätze fand.

Im Karlstorkino wurde der Film „Das letzte Lied des Räubers Mannefriedrich“ vorgestellt. Der Film entstand 1981 unter der Regie von Gisela Ziek und Michael Krausnick. Im Zentrum des Films steht die Geschichte der Räuber um den „Hölzerlips“. Die Gruppe hatte 1811 eine Kutsche mit dem Kaufmann Jakob Rieder überfallen. Rieder verstarb an den Verletzungen, die ihm bei diesem Überfall zugefügt wurden. Ludwig Pfister, damaliger Stadtdirektor von Heidelberg, suchte ein Exempel an dieser Gruppe von Vaganten zu statuieren und ließ nach einer erfolgreichen Fahndung in einem groß inszenierten Prozeß die Täter zum Tode durch das Schwert verurteilen. Zwei von ihnen wurden begnadigt, drei aber wurden auf der Richtstätte vor großem Publikum getötet.

Die Ästhetik des Film wirkt nach 28 Jahren fremd. Ein Film, der in vielem in seiner Bildästhetik mehr von den pazifistischen, sozialen und ökologischen Bewegungen der 80er Jahre erzählt als von dem historischen Kriminalfall in den Zeiten der napoleonischen Herrschaft. Gerade aus dieser Perspektive wird der Film aufschlußreich. Was auf den ersten Blick piefig und bieder wirkt, erzählt von einem Selbstbewußtsein, das heute geradezu naiv erscheint. Eine Naivität, die aber vieles in Bewegung brachte. Dieser Naivität fehlte es zweifellos an Schick, aber sie war in ihrer Emphase sicher näher an der Romantik als die Posen der Gegenwart.